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© by Melanie Wiora 2005

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Natura medians – Wilde Wasser in Melanie Wioras Werk

Rolf Sachsse


Was zu sehen ist: Wasser – aufbäumend, schäumend, spritzend, in Eruptionen, Fontänen, Wellen und Strömungen. Alles in undefinierbarer Raumtiefe, doch gewaltig, und fast immer vor dunklem Himmel und von dichten Nebelschwaden durchzogen. Das Wasser wird in allen Brechungen vorgeführt, glasklar und mit Gischt, fast jeder Tropfen erkennbar, und wieder in verwischten Bewegungen zur Seite abfließend. Keine Frage, die studierte Malerin Melanie Wiora versteht als Fotografin ihr Bildwerk gut.

Große farbige Bilder sind es, die Melanie Wiora in ihrer neuen Serie präsentiert. So dramatisch die Situation in jedem einzelnen Bild erscheint, so wenig bestimmt ist ihr Ort und der Standpunkt der Aufnahme. Wo die Wellen schäumen, wo die Geysire sprühen, wo die Horizontlinie aus Wasser, Nebel und Wolken unbestimmbar wird, sagt Melanie Wiora nicht. Ihr kommt es auf die Kraft an, die das Bild schafft, und dazu auf den Ausschnitt aus dem wilden Geschehen, das sie fotografiert. Beides zusammen folgt einer Logik, die – wie ihre früheren Arbeiten – auf die Wahrnehmung von Bildern insgesamt ausgerichtet ist. Einen ersten Hinweis gibt sie durch die Wahl des Titels ihrer Serie: Natura.

„[...] ich möchte dafür plädieren, dass wir Natur besser verstehen können wenn wir sie [...] als ein dem historischen Wandel unterworfenes Kulturprodukt verstehen“, schreibt der Hildesheimer Philosoph Tilman Borsche, um anschließend auf die Entgrenzung des Naturbegriffs seit der Renaissance einzugehen. Durch die Antike und das christlich geprägte Mittelalter hindurch war der Begriff Natur zur Beschreibung der göttlichen Ausstattung des einzelnen Menschen benutzt worden – heute findet sich das noch in Sprüchen wie „Es liegt in seiner Natur“. Seit der Mensch jedoch zum Gegenstand seiner Selbsterkenntnis und der Wissenschaft geworden ist, bezeichnet die Natur das Andere, Fremde, Wilde, Unbestimmte, aber auch Faszinierende – im positiven wie im negativen Sinn. Melanie Wiora begibt sich – nachdem sie in großartigen Serien das Sehen wie das Menschenbild bearbeitet hat – an diese Schnittstelle zwischen Erschrecken und Erstaunen, zwischen Neugier und Zurückweisung, und sie wählt das dafür am besten geeignete Medium: die Fotografie.

Sie ist das erste technische Bildmedium, das uns in der eigenen Informationsverarbeitung zur zweiten Natur geworden ist: Wir kommen real an keinen Platz auf der Erde mehr, den wir nicht zuvor im Medien-Bild gesehen haben. Wenn wir uns an etwas erinnern, wird es schwer, zwischen Bildern des Erlebens und der Medien zu unterscheiden: Beide werden im Sinn des Wortes wahr-genommen. Nur hat sich zwischen diesen Bildern ein neues Problem aufgetan, und das ist in dieser Serie von Melanie Wiora zentrales Thema: Wie geht unsere eigene Natur mit den Bildern der anderen, fremden, freien Natur um? Können wir diese überhaupt als solche erkennen? Wie macht man sich ein Bild der Natur zu eigen, ohne eine reale Situation zu erinnern? Melanie Wiora führt hier nicht nur in ein klassisches Wahrnehmungsproblem der Fotografie ein, sondern fragt direkt nach dem Sinn und Wirken der bildenden Kunst.

Für den Philosophen Baruch Spinoza war natura naturans mit Gott identisch, eine Natur, die sich selbst schafft – dies vor allem auch im Gegensatz zur scholastischen natura naturata, der naturgleich vom Menschen geschaffenen Dinge, wie sie später bei Martin Heidegger wieder auftauchen. Hätte sich Melanie Wiora auf die natura mediata – also das bloße Abbilden natürlicher Formen – beschränkt, wäre ihre Arbeit kaum als Kunst erkennbar und beschreibbar. Doch sie hat die natura medians geschaffen, die sich selbst ins Bild rückende oder sich selbst abbildende Natur. Sie hält ihre Kamera aufs Geschehen und nimmt auf, aber dabei bleibt es nicht. Das gewonnene Bild eines Geschehens, einer Situation ist Rohmaterial – im klassischen Werkprozess Skizze oder Studie, in der analogen Fotografie Negativ oder Diapositiv, aber nicht das endgültige Bild, die Erscheinung auf Papier in Ausstellung und Buch. Also eine natura medians, eine abgebildete Natur, die uns wahr-scheinlich vorkommen kann, wenn wir sie anschauen, die wir aber auch gleichzeitig als gemachte, erzeugte, gebildete Natur erkennen, eben als die Kunst von Melanie Wiora.

Nach der Fotografie ist vor der Fotografie, titelte der Medientheoretiker Hubertus von Amelunxen einst hintersinnig – und bei den Natura-Bildern von Melanie Wiora möchte man der Sentenz nur zu gern recht geben. Keine Fotografie bleibt unverändert, wenn sie Bild wird. Kontrast- und Farbsteuerung, Wahl des Druckverfahrens, Festlegung von Größe, Oberfläche, Rahmung – alles Maßnahmen mit nur einem Ziel, und das ist tatsächlich dasselbe vor, während und nach der Fotografie: ein Bild oder eine Serie von Bildern. In dieser Hinsicht ist Melanie Wiora präzise auf ein Ergebnis orientiert: das beste Bild.

Melanie Wiora verwendet in ihrer fotografischen Arbeit eine ganz spezifische Farbskala, die auf den ersten Blick ein wenig kühl erscheinen mag. Viele ihrer Bilder tragen einen bedeckten, wolkigen Himmel, das grundierende Licht entspricht einem regnerischen Tag in West- oder Mitteleuropa, ist also blaugrau, und direktes Sonnenlicht fällt eher selten auf eine Szenerie. All das trifft auch auf die neuen Bilder zu, und doch sind sie anders: Farbigkeit und Kontrast sind erstmalig nicht narrativ eingesetzt, sondern als Elemente der Komposition. Mehr als in allen anderen Serien von Melanie Wiora sieht man hier erst eine durchkomponierte Fläche, dann erst beginnt man zwischen dem vagen Erkennen einer Situation und dem Anschauen einer gestalteten Fläche zu changieren. Zu kaum einem Zeitpunkt kann sich das betrachtende Auge vom Hin und Her des Schauens befreien – monochrome Sensationen reizen das Hirn, und die Suche nach dem Größenmaßstab zur Auflösung eines Bildrätsels mag Betrachter zur Verzweiflung bringen. Doch was immer man sieht: Es sind Bilder, schöne gar, gelegentlich vielleicht schaurig schön.

Für die Schauer des Empfindens ist die Farbe verantwortlich: Kein blauer Himmel löst die Betrachtung ins Wohlgefallen auf. Dunkle Wolken dräuen, und oft genug sind es Wolken- und Nebelwände, die den Blick in die Tiefe versperren. Hier und da scheinen Zonen präziser Wasserformationen auf, streng abgegrenzt und doch nicht in der Tiefe zu verorten; oft sind diese Zonen erheblich heller als der umgebende Himmel-Wasser-Nebel-Vorhang. Auch diese Bewegung im Bild dient einer Funktion der Wahrnehmung. Die Betrachtung wird ins Bild selbst zurück geworfen. Also kann sie das Bild gleich selbst als Fläche annehmen, ganz im Sinn Cézannes, der jedes Bild als ein Stück bemalter Leinwand ansah und damit Wegbereiter der abstrakten Kunst wurde. Insofern tut es gut, sich die Bilder von Melanie Wiora unter dem Blickwinkel einer abstrakten Fotografie anzuschauen.

Das Zurückklappen der Bilder in die Fläche der Fotografie macht den Blick frei für die kleinen Sensationen, von denen jedes Bild der Serie Natura viele bietet: Zum einen sind das die vielen Mikrostrukturen aus aufschäumender Gischt und sich überlagernden Wellen, die in sich als informel, vor der Form verharrend gesehen werden. Sie geben den Bildern eine Struktur, die zum Bestand aller abstrakten Kunst gehört. Zum anderen bietet sie innerhalb kleiner Bildbereiche eigene Inseln der Erkenntnis an: geschlossene Kreise, borkenartige Balkenformen, dunkel begrenzte Vierecke. Sie werden meist nicht als eigenständige Form erkannt, sondern versorgen die Betrachtung mit den notwendigen Elementen eines Interesses für die Sensation des Bildes. Schließlich endet der Weg, der erst zum Bild hin und dann wieder von ihm weg führt, in der Betrachtung von diagonalen und horizontalen Flächenteilern, die durch Wellen, Gischt und ruhige Zonen des Wassers geformt werden. Sie konstruieren das eigentliche Bild.

Doch Formalismus ist nicht das Anliegen der Künstlerin Melanie Wiora. Sie beginnt ihre Arbeit mit dem großen Erstaunen des erkennenden Blicks, dann sucht sie die für sie richtigen Verfahrenstechniken in der Umsetzung aus, und schließlich entstehen nacheinander, in aller Ruhe, eine Reihe von Bildern, die einerseits zahlreiche Assoziationen freisetzen können, die aber andererseits ein solch großes Eigenleben entwickeln, dass sie jedes Einzelne für sich stehen. Es sind technisch generierte Bilder; sie entnehmen der Natur einen Moment, den sie uns, den Betrachterinnen und Betrachtern, in großer Formentwicklung zurückgeben; und schließlich stehen sie für sich selbst, sind einfach sie selbst – als Bilder eben natura medians.

 

In "Natura", Katalog, Dr. Isabella Kreim (Hrsg.), Kunstverein Ingolstadt, Revolver Publishing, 2010 – Weitere Texte